Südtirol Jazzfestival Alto Adige: Freiheit – Gleichheit – Jazz

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Experimentierfreudig, weltoffen, grenzenlos: Der Frankreich-Schwerpunkt des Südtirol Jazzfestivals präsentiert Highlights der jungen französischen Szene.

Keiner spielt das Akkordeon wie Vincent Peirani. Deshalb gestaltet der Star des jungen französischen Jazz den Eröffnungsabend des Südtirol Jazzfestivals im Stadttheater in Bozen – und setzt damit das erste Highlight eines Frankreich-Schwerpunkts, der zahlreiche Facetten einer lebendigen, vielseitigen und experimentierfreundlichen Jazzszene in Südtirol vorstellt. Peirani steht in einer Entwicklung, die in Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg begann, als sich afroamerikanische Musiker in Paris niederließen. Dort gab es gute (und nicht rassistisch geprägte) Arbeitsbedingungen. Zudem zahlten Theater und Bars höhere Gagen als Veranstalter in New Orleans, New York oder Chicago. Damals wurde der Grundstein für eine eigenständige Jazztradition gelegt, die bis heute in Clubs, auf Festivals und an den Konservatorien gepflegt wird. Das kann sich hören lassen – auch in Südtirol. In nur einer Woche treten hier mehr Musiker und Bands aus Frankreich auf, als auf vielen französischen Festivals.

 

Der Blick ist dabei in die musikalische Zukunft gerichtet: In seinem neu zusammengestelltem Living Being Quintett, das die Kernbesetzung des Eröffnungskonzerts stellt, hat Peirani mit Emile Parisien (sax), Julien Herne (b), Tony Paeleman (p) und Yoann Serra (dr) vier der besten jungen französischen Jazzmusiker um sich versammelt. Ergänzt wird diese Genregrenzen nach Belieben überschreitende Solistentruppe von Serena Fisseau (voc), Airelle Besson (tr) und François Salque (clo). Einige dieser Musiker sind im Rahmen des Südtirol Jazzfestivals in unterschiedlichen Formationen gleich mehrmals zu hören. So treten Peirani, Fisseau und Parisien im Trio auf, das Living Being Quintett gibt in Brixen ein zweites Konzert. Emile Parisien, dessen Quartett zu den wegweisenden Combos in Frankreich gehört, besuchte die Jazzklassen am Collége in Marciac. Seit 1978 richtet dieser 1.200-Einwohner-Ort in der Region Midi-Pyrénées eines der weltweit bedeutendsten Jazzfestivals („Jazz in Marciac“) aus, zu dessen „Stammgästen“ auch Wynton Marsalis gehört. Der Festivalgründer und Ex-Bürgermeister Jean-Louis Guilhaumon war viele Jahre Schulleiter des Collége, an dem zahlreiche Jazzprofis studierten wie die Gesangsakrobatin Leïla Martial, die in Südtirol mit ihrem Ensemble drei Konzerte spielen wird.

Nicht umsonst hat Vincent Peirani auch die Trompeterin Airelle Besson nach Südtirol eingeladen. Die Bandleaderin und Komponistin wurde von der Kritik mehrfach ausgezeichnet und leitet mit Sylvain Rifflet das erfolgreiche Quintett Rockingchair. In Südtirol spielt sie im Duo mit dem brasilianischen Gitarristen Nelson Veras und im Quintett des Altmeisters Didier Levallet (b), der sich in dieser Combo von drei weiblichen Solistinnen begleiten lässt. Neben Airelle Besson sind das Céline Bonacina (sax) und Sylvaine Helary (fl), die sich im Rahmen des Südtirol Jazzfestivals mit zwei weiteren Formationen vorstellt. Mit Noemie Boutin (clo) verknüpft sie im gemeinsamen Projekt Myssil Klang und Sprache und stößt dabei in den Freiraum zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik und Musiktheater vor. In ihrem Quartett Spring Roll (mit Hugues Mayot: sax; Antonin Rayon; p Sylvain Lemettre: perc,) prägt sie dagegen einen intellektuell-introvertierten Sound, in dem Lemettres mit Töpfen, Metallplatten, Becken und Glockenspiel ausgestatteter Perkussions-Werkzeugkasten eine herausragende Rolle spielt

Stil ist, dass nichts mehr Stil ist. Dieser Satz beschreibt die schrankenlose Welt des Musikerkollektivs COAX, das auf dem Südtirol Jazzfestival gleich mit mehreren Bands und Solisten vertreten ist. COAX entstand 2008 in der nordfranzösischen Region Île-de-France und betreibt seit 2010 ein eigenes CD-Label (COAX-Records) In diesem bunten „melting pot“, der sich am Jazz-Department des Conservatoire national supérieur de musique et de danse de Paris zusammengefunden hat, treffen sich akustischer Kammerjazz, elektronisch erzeugter Noise, Rock, Free Jazz und zeitgenössische Musik. In einem unablässigen Prozess des Vermischens und Vermengens, der Stilgrenzen ignoriert, geht man auf die Suche nach „zukunftsfähiger Musik“ – und wird häufig auf überraschenden Wegen fündig. In Südtirol gastiert der Gründer von COAX, Julien Desprez, im Trio mit dem Schlagzeuger des Emile-Parisien-Quartetts, Sylvain Darrifourcq, und dem Briten Kit Downes (org). Desprez spielt auch in der Mini-Big-Band Radiation 10 mit, die das Aushängeschild von COAX ist und Kammermusik mit Anleihen bei der Minimal Music, progressive Rock und fetzigen Noise zu einem einzigartig dichten Klangteppich mischt.

Radiation 10 ist in diesem Jahr ebenso auf dem Südtirol Jazzfestival vertreten wie die COAX-Bands MeTal-O-PHoNe, Pipeline und AIE. Diese drei Formationen aus der Kulturmetropole Paris zeigen wie vielfältig COAX heute aufgestellt ist: Das „Power Jazz Trio“ MeTal-O-PHoNe (Benjamin Flament: vb; Joachim Florent: b; Elie Duris: dr) verdichtet Rock, Jazz und minimalistische Ton-Cluster mit Elementen aus der Gamelan-Tradition aus Java und Mali zu einem unverwechselbaren Sound. Pipeline (Antoine Viard: sax; Fanny Lasfargues: b; Yann Joussein: dr; Ronan Courtry: b) orientiert sich am Post-Punk und Grunge der neunziger Jahre und kreiert damit – laut eigenen Angaben – eine „kontrastreiche Musik zwischen Melancholie und Rebellion“. Das Duo AIE (Rafaelle Rinaudo: harp, voc; Yann Joussein: dr, voc) lässt sich auf seiner Entdeckungstour durch die Musikgeschichte wiederum vom Komponisten György Ligeti, vom Stimmkünstler Mike Patton und von der Anarcho-Punk-Band The Ex beeinflussen.

Dabei nutzen die Harfistin Rafaelle Rinaudo und die Bassistin Fanny Lasfargues ihre Instrumente nicht, wie man es in der Musikschule lernt, zum „klassischen“ Abspielen von Noten und Akkorden, sondern erweitern dieses Equipment zu sprudelnden Klangquellen. Hier scheppert und kracht es und wenn Bürsten, Glöckchen, Behälter aus Aluminium oder Holzstücke zur Soundproduktion eingesetzt werden, ist das nur folgerichtig. Fanny Lasfargues und Rafaelle Rinaudo sind auf dem Südtirol Jazzfestival solo zu hören und treten als Duo (Five 38) auf. Wenn diese beiden Frauen gemeinsam auf einer Bühne stehen, ist nichts mehr so wie es früher war: Mal klingen Bass und Harfe wie Motorengeräusche am Rand einer Rennstrecke, mal meditativ zurückhaltend. Der „zarte“ Klang der Harfe wird elektronisch verfremdet und die romantische Aura, die diesem „lyrischen“ Instrument anhängt, radikal „zerpflückt“.

Auch das von Julien Soro (sax) gegründete Quartett Big Four (Fabien Debellefontaine: sousaphone; Stephan Caracci: vib; Rafaël Koerner: dr) erkundet eine klangliche Terra incognita. Die ungewöhnliche Kombination von Sousaphon, Vibraphon, Schlagzeug und Saxophon erlaubt es den vier jungen Musikern, die im Jazzorchester Ping Machine zusammenspielen, in ihrem Zusammenspiel ganz neue Wege zu gehen. Neben Big Four reist auch Ping Machine nach Südtirol. Die erfolgreiche Band setzt die große Tradition der französischen Big Bands fort und kombiniert Jazz, Pop und zeitgenössische Musik zu einer kontrastreichen musikalischen Architektur, die Klang-Patterns in der Tradition der Minimal Music, serielle Kompositionstechniken, und energiegeladene Rhythmen verarbeitet. Wie eng die für den französischen Jazz typischen Querverbindungen zur zeitgenössischen Musik sein können, zeigt auch das Trio Birds of Paradise (Olivier Py: sax; Jean-Philippe P Morel: b; Franck Vaillant: dr), das die berühmten Vogelruf-Transkriptionen des französischen Komponisten Olivier Messiaen verarbeitet.

Ganz anders geht es bei Papanosh zu. Ihre Musik sei „wie ein Haus mit offener Tür und offenen Fenstern“, schreiben die fünf Musiker (Quentin Ghomari: tp; Raphaël Quenehen: sax; Thibault Cellier: b; Sebastien Palis: acc; Jérémie Piazza : dr) in ihrer Bandbeschreibung und durch diese entriegelten Fenster und Türen kommt einiges herein, vom New Yorker Underground-Jazz über den von John Luries Lounge Lizards betriebenen Fake Jazz der achtziger Jahre bis zu Anleihen aus der okzitanischen Volksmusiktradition. Gegensätze ziehen sich an: Birds of Paradise und Papanosh fügen sich deshalb nahtlos in ein Festivalprogramm ein, das dazu einlädt, eine schillernde Szene einmal live zu erleben.

(C) www.suedtiroljazzfestival.com