CD des Monats – Martin J. Reiter – LUCID – Piano Solo

Martin Reiter Solo Piano - Lucid[Luzid]

Ein luzider Traum ist ein Traum, in dem der Träumer sich dessen bewusst ist, dass er träumt und nach eigenem Entschluss handeln kann, derart auch den Verlauf eines Traums mitbestimmen kann. Beim Improvisieren kann man als Musiker ähnliche Situationen erleben, wenn die Finger ihre eigenen Wege finden, der Interpret aber die Übersicht behält und gezielt Impulse geben kann, um den Verlauf einer Improvisation gleichzeitig zuzulassen und mitzubestimmen.

 

[Entstehung]

Schon lange hat es mich gereizt, Grenzen zwischen Improvisation und
Komposition auszuloten. Immer öfters kam ich in Situationen, in denen ich bei
Kollegen oder bei mir selbst innerhalb der Improvisation eine so starke Motivik und
so gelungene musikalische Verarbeitung eines Themas oder eines Leitgedankens
beobachten konnte, dass mir die Grenzen zu verwischen schienen. Die Idee war,
mich so intensiv damit auseinanderzusetzen, dass ich es fertig bringen würde, Musik
aus dem Moment entstehen zu lassen, die man danach transkribieren könnte und als
Komposition werten könnte. Sehr verwandt zu der Technik des sogenannten „Instant
Composing“.

Bei meiner ersten vollständigen Solo-Cd „Inventions & Impressions“ 2011
waren diese Extemporierungen (Inventions) noch teilweise sehr kurz und ein schöner
musikalischer Bogen auf dem Album ließ sich nur durch Mischen mit tatsächlichen
Kompositionen (Impressions) erzielen, doch mittlerweilen hat diese Arbeitstechnik
solche Früchte getragen, dass die spontan entstehenden Stücke ihre Spannung viel
länger halten können und dass die Produktion einer zu 100% improvisierten solo CD
verwirklicht werden konnte, die unter dem Titel „ex tempore“ noch 2017 veröffentlicht
werden wird.

Doch auch die Gestaltung und Umsetzung von Kompositionen mit einem
vorgegebenen Rahmen lässt im Bereich des Jazz eine große Freiheit zu. So
experimentiere ich in letzter Zeit auch bei live-Konzerten viel mit der spontanen
Interpretation von Jazzstandards oder auch meiner eigenen Stücke. Wenn das
Ausgangsmaterial wirklich verinnerlicht wurde, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeit
bei der Gestaltung von Form, Harmonik oder bei der improvisatorischen Verarbeitung
eines Themas. So können die Grenzen zwischen Kompositionen und
Improvisationen verfliessen, ähnlich wie die alten Meister zu Bachs Zeiten noch in
der Lage waren zu improvisieren oder spontan über ein vorgegebenes Thema zu
extemporieren.

(C) Martin J. Reiter

Homepage Martin J. Reiter